Die Pfiffe, Rufe und Lautsprecherstimmen werden lauter, als das Kongresszentrum „Harmonie“ in Sichtweite kommt. Typische Demo-Geräusche am Donnerstagabend in Heilbronn. Einige Hundert Menschen stehen im Sicherheitsabstand zum Eingang des Gebäudes, beobachtet von mehreren Dutzend Polizisten, die sich in Gruppen aufgeteilt haben. Einige bewachen auch die Absperrgitter, damit kein Störer ins Kongresszentrum gelangt.

Die Demonstranten schwenken Regenbogenflaggen, halten selbst gemachte Schilder hoch. Darauf steht „Menschenrechte & Miteinander statt Hass + Hetze“ oder „Einigkeit und Recht und Freiheit statt Autokratie und faschistische Diktatur“. Ein junger Mann hält die Botschaft hoch: „Damit 2033 kein zweites 1933 wird“. Eine Antifa-Gruppe verbirgt sich hinter einem Transparent mit der Aufschrift: „Faschistische Netzwerke zerschlagen“.

Eine junge Frau erzählt am Mikro mit brüchiger Stimme, sie habe „Angst vor dem Faschismus“. Sie sei fest davon überzeugt, dass eine „bessere Welt“ kommen werde, in der „alle Menschen die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben, in der wir uns nicht von faschistischer Ideologie spalten lassen“. Es gibt Jubel, Applaus. „Der Kampf gegen Rechts ist mühsam, wir kämpfen ihn nicht allein“, sagt sie, dann stimmt jemand an: „Siamo tutti antifascisti“ – zu Deutsch: „Wir sind alle Antifaschisten“ – und die Menge schreit mit.

Das ist oft der Begleitsound, wenn die AfD sich irgendwo versammelt, und so nun auch in Heilbronn, wo die Rechtsaußenpartei zum Wahlkampfauftakt eingeladen hat. Es sind nur noch wenige Wochen bis zur Landtagswahl am 8. März in Baden-Württemberg, und an diesem Donnerstag ist nach langer Zeit wieder eine Umfrage erschienen. Die AfD liegt mit 20 Prozent hinter CDU (29 Prozent) und Grünen (23 Prozent), während die SPD (8 Prozent), die Linke (7 Prozent) und die FDP (5 Prozent) weit abgeschlagen sind.

Die AfD hat im Vergleich zu einer Umfrage vor drei Monaten somit einen Prozentpunkt eingebüßt, doch das scheint deren Spitzenkandidat Markus Frohnmaier nicht sonderlich zu berühren. Der 34-jährige Vertraute von Parteichefin Alice Weidel hat einen anderen Bezugspunkt, die Landtagswahl 2021, als die AfD auf 9,7 Prozent kam. Der Zuspruch hat sich seitdem mehr als verdoppelt. Die AfD dürfte demnach größte Oppositionspartei werden. Allein durch diese Aussicht wähnt sich Frohnmaier schon als Gewinner.

Frohnmaier: Früher vor allem Scharfmacher

Früher fiel er als Scharfmacher auf. Er führte einst die Jugendorganisation „Junge Alternative“ und lieferte damals auch mit radikalen Äußerungen in jener Zeit dem Verfassungsschutz einige Belege, um die Jugendorganisation nebst Partei zu beobachten und später als rechtsextremistischen Verdachtsfall einzustufen.

Frohnmaier zeigt eine auffällige Russlandnähe, hatte sogar angekündigt, nach Moskau reisen zu wollen, dies dann aber wieder verworfen. Er hegt ebenso Begeisterung für den US-Präsidenten Donald Trump und dessen „MAGA“-Bewegung („Make America Great Again“). Vor einigen Wochen reiste Frohnmaier überraschend nach New York und ließ sich von den „Young Republicans“ auszeichnen, ein PR-Coup und eine Machtdemonstration der international vernetzten Rechten.

Als Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion im Auswärtigen Ausschuss wird Frohnmaier regelmäßig in Talkshows eingeladen. Dabei gibt er sich smart, dreht verbal nicht mehr so auf wie früher und lässt sich kaum in die Enge treiben. Jüngst fragte ihn der „Staatsanzeiger“, eine bedeutende Wochenzeitung in Baden-Württemberg, wie er mit den etwa 1000 Rechtsextremisten in der Landespartei umzugehen gedenke. Die Zahl stammt vom Landesverfassungsschutz.

Frohnmaier entgegnete: „Das ist unwahr. Wir haben keine Rechtsextremisten in der Partei.“ Sie hätten „in den letzten Monaten gezeigt, dass wir knallhart durchgreifen und uns von wirklich problematischen Leuten trennen“. Auf Nachfrage betonte er: „Bisher wurde nicht festgestellt, dass die AfD gegen das Grundgesetz und unsere Demokratie agiert.“

Bei seinen Unterstützern muss sich Frohnmaier, der einst auch Weidels Pressesprecher war, ohnehin nicht rechtfertigen. Sie wollen schärfere Töne hören, zumindest brechen sie beim Wahlkampfauftakt in Heilbronn immer wieder in Jubel aus, wedeln stehend mit Deutschland-Fähnchen, sobald es um die Abschiebung von kriminellen Asylbewerbern, die Beendung der Unterstützung von Projekten, etwa in Afrika, geht oder schlicht der Furor auf linksgrüne Eliten geschürt wird.

Die Angaben zur Gäste-Zahl in Heilbronn schwanken an diesem Abend zwischen 1200 und 1800, wobei es augenscheinlich eher zum unteren Ende tendiert. Einige hintere Plätze bleiben leer. Die Anwesenden lärmen allerdings zeitweise so, also ob noch mehr gekommen seien. Weidel und Frohnmaier sprechen als prominenteste Redner zuletzt. Drei Landtagskandidaten aus der Umgebung können vorab das Publikum einstimmen und zeigen, worauf die AfD im Wahlkampf Wert legt.

Der Hauptgegner: Die Christdemokratie

Sie haben vor allem die in Umfragen führende CDU ins Visier genommen, deren Spitzenkandidat Manuel Hagel wiederum die AfD jüngst zum Hauptgegner erklärt hat.

Sie buhlen um einen nicht zu unterschätzenden Teil der konservativen Wählerschaft, zumal vergangene Abstimmungen auf verschiedenen Ebenen offenbart haben, dass die AfD enttäuschte CDU- und SPD-Stammwähler an sich binden kann.

Die CDU sehen die AfD-Redner in Heilbronn in der linksgrünen Ecke und erinnern, unter aufbrandendem Applaus, immer wieder an die grün-schwarze Landesregierung des scheidenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Sie arbeiten sich auch an Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) ab, einem gebürtigen Heilbronner. Die CDU sei längst keine konservative Partei mehr, sonst hätte sie nicht mit den Grünen koaliert. „Die einzige Partei, die konservative Interessen vertritt, ist die AfD“, sagt eine Kandidatin.

Nach etwa einer Stunde kommt Parteichefin Weidel auf die Bühne und wird frenetisch begrüßt. Sie sei „unser bestes Pferd im Stall“, sagt der Moderator. „A-lice“, „A-lice“ ruft die Menge – und auch irgendwann zwischendurch „Alice für Deutschland“, was wiederum klanglich dem strafrechtlich bewehrten Nazi-Spruch „Alles für Deutschland“ nahekommt.

Die 46-Jährige hat einen besonderen Bezug zu Baden-Württemberg: Das südwestliche Bundesland liegt nicht nur geografisch nah an ihrer Schweizer Wahlheimat. Bei den Bundestagswahlen 2017 und 2021 schaffte Weidel es über die Landesliste des AfD-Landesverbandes in den Bundestag, zuletzt sogar als Spitzenkandidatin.

Weidel fühlt sich sichtlich wohl, als es während ihrer Rede immer wieder zu einzelnen besonders begeisterten Rufen kommt. Ob jemand eine Herzuntersuchung mittels EKG benötige, will sie einmal wissen – das würde sie dann persönlich übernehmen, gibt sie zu verstehen, daraufhin gibt es Gelächter.

Doch überwiegend ist Weidel ernst und beginnt ihre Rede mit einem Verweis auf den Aufritt des US-Präsidenten beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Trumps „fulminante Rede“ habe „das ganz woke grüne Weltbild niedergerissen“, sagt sie. Sie sieht es wie Trump, dass Europa mit dem „New Green Deal“ dem „größten Schwindel“ der Geschichte aufgesessen sei, wodurch der Wohlstand verloren gehe. Weidel spricht über die steigenden, in die Zehntausenden gehenden Insolvenzzahlen und den Verlust von Arbeitsplätzen. Und sie klagt über das Ende der Atomkraft in Deutschland: Eine milliardenteure Energieinfrastruktur sei zerstört worden – „durch Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz. Es ist auch egal, weil es sowieso das Gleiche ist“, so Weidel.

Sie will das Heizungsgesetz abschaffen, ebenso das Aus für Verbrennermotoren, Subventionen für Solar und Windkraft streichen. Stattdessen will sie Kernkraft und wieder Erdgas aus Russland, und für die gesprengte Gaspipeline Nord Stream II solle die Ukraine zahlen. Alles wird bejubelt.

Weidel blickt zufrieden in den Saal, dann sagt sie: „Sie merken, ich habe noch nicht über das Thema Migration geredet. Ich überlasse das Thema meinen lieben Kollegen“ – ein lautes „Oh“ ertönt aus den Reihen der Versammelten. Das Publikum will etwas von ihr zum Thema Migration hören. Weidel ziert sich etwas und sagt: „Na ja, Sie wissen ja, wofür wir stehen.“ Und dann legt sie los: Man stehe für geschlossene Grenzen, oder dass man alle Illegalen und Kriminellen abschieben werde.

„Die Eliten, sie haben Angst vor uns“

Sie erinnert auch daran, dass sich am Donnerstag das Messerattentat von Aschaffenburg gejährt hat, bei dem ein abgelehnter afghanischer Asylbewerber in einem Park eine Kindergartengruppe attackiert und ein zweijähriges Kind und einen 41-jährigen Mann tödlich verletzt hatte. Weidel wird wieder laut: „Was für eine Politik, unsere schöne Heimat, unser Land, zu überschwemmen mit Millionen von Kulturfremden, Illegalen, die hier nichts verloren haben, die Straftaten begehen“, sagt sie.

Und weil ihr offenbar bewusst ist, dass eine solche pauschale Aussage als Verhetzung verstanden und ihr gefährlich werden kann, grüßt sie demonstrativ: „Hallo lieber Verfassungsschutz“, und erwähnt die polizeiliche Kriminalstatistik, die sie in ihrer Rede interpretiere. „Und da haben Afghanen, Iraker, Syrer die höchste Kriminalitätsbelastung“, sagt Weidel. Zum Schluss sagt sie: „Die Eliten, sie haben Angst vor uns. 2026 ist das Jahr der Wahrheit, die Masken werden fallen.“

Dann betritt Spitzenkandidat Frohnmaier die Bühne. Der Moderator hat ihn als „zukünftigen Ministerpräsidenten“ angekündigt – und mit der Frotzelei: „Er ist nicht groß, aber er hat große Denkleistungen.“

Frohnmaier fokussiert sich ganz auf die CDU: „Keine Partei in Baden-Württemberg war länger in Regierungsverantwortung als die CDU, und keine Partei hat Deutschland und Baden-Württemberg mehr Schaden zugefügt.“ Auch er spricht über die Arbeitsplätze, die verloren gehen, über die Wirtschaftskrise und über Migration und innere Sicherheit, die wohl wichtigsten Mobilisierungsthemen für die AfD.

Die Gewaltkriminalität sei gestiegen, ebenso die Zahl der Messerattacken. Es gebe ein großes Problem bei der inneren Sicherheit, Eltern hätten Angst davor, dass ihre Kinder abends das Haus verließen. Konsequente Abschiebungen würden Leben retten.

Und dann versucht Frohnmaier eine Differenzierung. „Die AfD ist keine fremdenfeindliche Partei.“ Er selbst komme aus Rumänien. Wer sich in Deutschland legal aufhalte, arbeite und die Sprache spreche, der sei in Deutschland „herzlich willkommen“. Es würden auch immer mehr Bürger mit Migrationshintergrund die AfD wählen. Am Ende kommt er noch einmal zur CDU und Bundeskanzler Friedrich Merz zurück. Bei der Wahl am 8. März werde es, so Frohnmaier, vor allem heißen: „Schmerz für Merz.“

Kristian Frigelj berichtet für WELT über bundes- und landespolitische Themen, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

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