Die deutschen Sicherheitsbehörden starten eine Offensive gegen den Linksextremismus und werben in einer groß angelegten Fahndungskampagne um Hinweise, die den Anschlag auf die Berliner Stromversorgung betreffen. Die Belohnung für „relevante Hinweise“ betrage eine Million Euro, teilten Bundeskriminalamt und Generalbundesanwalt in einer gemeinsamen Mitteilung mit – eine beispiellos hohe Summe. Der Zeugenaufruf läuft rund einen Monat.
Diese hohe Belohnung solle „die Bevölkerung zur Mitwirkung animieren“, sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Dienstag in Berlin. „Ich finde es angemessen, dass man mit einer Belohnung in dieser Größenordnung deutlich macht, wie ernsthaft die Lage ist“, so Dobrindt. „Der Linksterrorismus ist zurück.“
Nach einem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke Anfang Januar waren zehntausende Menschen im Berliner Südwesten tagelang ohne Strom. Der Generalbundesanwalt ermittelt seitdem gegen Unbekannt. Die Behörden verdächtigen Mitglieder einer sogenannten linksextremen „Vulkangruppe“. Die Vereinigung hinterließ ein digitales Bekennerschreiben, das Sicherheitsbehörden für authentisch halten.
Bundesinnenminister Dobrindt wandte sich in seiner Pressekonferenz auch direkt an die Bevölkerung: „Wirken Sie mit an der Aufklärung, geben Sie Hinweise, um die linksterroristischen Täter zur Verantwortung zu ziehen.“
In der Hauptstadt startet in den nächsten Tagen eine breit angelegte Informationskampagne. Anzeigetafeln in U-Bahnen und an Haltestellen sowie Plakate im öffentlichen Raum weisen auf die Fahndung hin. Dazu verteilen die Behörden in Berlin und Brandenburg Handzettel. In Ausmaß und Intensität erinnert die Kampagne an die Fahndungsmaßnahmen nach den linksextremen RAF-Terroristen in den 1970er-Jahren.
Minister sieht „Nachholbedarf beim Kampf gegen Linksextremismus“
„Es gibt Nachholbedarf beim Kampf gegen Linksextremismus“, gab Dobrindt zu, er wolle hier allerdings keine Schuldzuweisungen aussprechen. Der CSU-Politiker kündigte personelle Veränderungen innerhalb der Sicherheitsbehörden an. Man werde beim Verfassungsschutz den Fachbereich stärken und das Phänomen stärker in den Blick nehmen, so Dobrindt. Details nannte er nicht.
Auch eine Reihe von Gesetzen ist in Vorbereitung, die den Behörden beim Kampf gegen Extremismus helfen sollen – darunter ein Entwurf für erweiterte digitale Ermittlungsbefugnisse, wie etwa biometrische Gesichtserkennung und die Speicherung von IP-Adressen. Dobrindt kündigte auch an, dass das seit Langem fällige Gesetz zum Schutz kritischer Infrastrukturen in dieser Woche im Bundestag verabschiedet werden solle. Es sieht für Unternehmen der kritischen Infrastruktur wie Energie- und Wasserversorger strengere Verpflichtungen zum Schutz ihrer Anlagen sowie Bußgelder bei Regelverstößen vor.
Bei der Fahndung nach den Urhebern des Berliner Anschlags tappen die Behörden noch weitestgehend im Dunkeln. Die Szene agiere extrem konspirativ, sagen Ermittler: Die Täter gingen professionell vor, nutzten Brandbeschleuniger, Zeitverzögerer und Funktechnik und setzten gezielt auf Spurenvermeidung bis zu sogenannten DNA-Vernichtern.
Auch deshalb starten Bundeskriminalamt und Generalbundesanwalt nun diese aufwendige Öffentlichkeitskampagne. Der Zeugenaufruf läuft bis 24. Februar 2026. Diese Kontaktmöglichkeiten stellt das Bundeskriminalamt bereit:
Zeugenaufruf: https://www.bka.de/oeffentlichkeitsfahndung71
Telefonnummer für Hinweise: +49 (0)800 - 01 30 110
BKA-Hinweisportal: bka.hinweisportal.de/brandanschlag-berlin
Korrespondent Philipp Woldin kümmert sich bei WELT vor allem um Themen der inneren Sicherheit und berichtet aus den Gerichtssälen der Republik.
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