Der Philosoph Richard David Precht schließt nicht aus, dass die AfD in den kommenden Jahren an der Regierung beteiligt sein wird: „Ich halte es für denkbar, dass Alice Weidel in drei Jahren Kanzlerin ist“, sagte Precht in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“.
Ursache für den Aufstieg der AfD sei aus seiner Sicht die politische Lähmung Deutschlands. „Deutschland ist heute leider weitgehend reformunfähig“, sagte Precht. Abgesehen von Gerhard Schröders Hartz-Reformen falle ihm „keine einzige größere Reform in den letzten Jahrzehnten ein“. Das Land gleiche „einem rostigen Tanker, der auf eine Sandbank gelaufen ist“. Von dieser Handlungsunfähigkeit profitierten „die Linkspartei und die AfD“.
Deshalb prognostiziert Precht, dass „mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit“ die AfD „bei der nächsten Bundestagswahl die stärkste Partei“ sein könnte. In diesem Fall sei auch eine Zusammenarbeit mit der Union möglich. „Es ist denkbar, dass die CDU dann mit ihr koaliert, denn für CDU, SPD und Grüne könnte es für eine Regierungsbildung möglicherweise nicht reichen.“
Sollte die CDU stattdessen gezwungen sein, mit mehreren Parteien zu regieren, „darunter die Linkspartei“, drohten aus Prechts Sicht extreme Verluste. „Dann kann sich die Partei erschießen, dann verliert sie alle ihre Wähler.“ Deshalb würde sie „wohl – wahrscheinlich nicht unter Friedrich Merz, eher unter Jens Spahn – als Juniorpartner in eine Regierung mit der AfD eintreten“.
Precht verwies dabei auch auf Entwicklungen auf Landesebene, insbesondere auf die Bundesländer, in denen Landtagswahlen stattfinden werden. In Sachsen-Anhalt etwa könne die AfD „mutmaßlich über 40 Prozent bekommen“. Um dort eine AfD-Regierung zu verhindern, müssten „alle anderen Parteien miteinander koalieren“. Das sei „demokratietheoretisch problematisch“, sagte Precht, denn „der Grundgedanke ist, dass die stärkste Partei den Kanzler oder den Ministerpräsidenten stellt“. Wenn dieses Prinzip auf Landesebene aufgeweicht werde, sei „es auch kein großer Sprung zur Bundesebene“. Die AfD bereite sich bereits darauf vor.
Fest macht Precht dies vor allem an der Außenpolitik der AfD. „Der große Dissens zwischen AfD und CDU besteht in der Außenpolitik.“ AfD-Chefin Weidel habe kürzlich verhindert, „dass AfD-Abgeordnete nach Russland fahren, um da an einem Kongress teilzunehmen“. Der Grund dafür sei taktisch: „Sie denkt, das könnte ihrer Kanzlerschaft im Wege stehen.“ Die AfD rücke „ein Stück weit von ihrer Russlandfreundlichkeit ab“, während sich die CDU „nicht mehr so vehement gegen Gespräche mit Moskau wehren“ werde. „Man wird sich ein bisschen aufeinander zubewegen.“
Auch grundsätzliche Einwände gegen eine Zusammenarbeit weist Precht zurück. „Die AfD ist keine verbotene Partei und wird es vermutlich auch in drei Jahren nicht sein.“ Es gelte, „dass alle demokratisch legitimen Parteien untereinander koalitionsfähig sein müssen“. Die AfD werde „in den nächsten drei Jahren sehr viel Kreide fressen, damit der Nazi-Vorwurf etwas verblasst“.
Zugleich erwartet Precht Veränderungen in der medialen Begleitung. „Je wahrscheinlicher es wird, dass die AfD tatsächlich in der nächsten Regierung ist, umso geringer könnten die Angriffe gegen die Partei in den Medien werden.“ Das Gegenteil sei zwar vorstellbar, „allerdings nur vor der Wahl, nicht nachher“.
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