Bekommt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer nach der Wahl in Baden-Württemberg ein Amt in Stuttgart? Darüber will Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir erst nach einem möglichen Sieg bei der Landtagswahl am 8. März entscheiden. Auf die Frage, ob er sich Palmer in seinem Kabinett wünschen würde, sagte er: „Das Fell des Bären wird nicht vor der Wahl verteilt.“
Er müsse erst einmal die Wahl gewinnen und Ministerpräsident werden, sagte Özdemir am Rande eines gemeinsamen Wahlkampfauftritts mit Palmer in Tübingen. Wenn er die Wahl gewinne, sei für ihn klar, dass er mit Leuten arbeiten wolle, die Pragmatiker seien und das verkörperten, was er im Wahlkampf verspreche.
Palmer äußerte sich zurückhaltend zur Frage nach einem Wechsel nach Stuttgart. „Das Gerücht, dass ich jetzt auch im Winter bei offenem Fenster schlafe, um den Ruf aus Stuttgart nicht zu überhören, ist nachweislich falsch“, sagte der parteilose Oberbürgermeister von Tübingen, der früher Mitglied der Grünen war.
Palmer war schon als Nachfolger von Kretschmann gehandelt worden
Hintergrund ist eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur, wonach sich mehr als ein Drittel der Menschen im Südwesten wünscht, dass Palmer nach der Landtagswahl eine Rolle auf Landesebene spielt. 39 Prozent gaben an, Palmer solle nach der Wahl ein Amt in der Landespolitik bekommen. Dagegen sprachen sich 18 Prozent der Befragten aus, 21 Prozent hatten keine Meinung, und weitere 21 Prozent kannten Palmer nicht.
Palmer war zu Beginn seiner Karriere Landtagsabgeordneter und ist seit 2007 Oberbürgermeister von Tübingen. Er war bereits als möglicher Nachfolger von Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) gehandelt worden, bevor er 2023 nach mehreren Skandalen bei den Grünen austrat.
Palmer zeigte sich erfreut über die Umfrage. Sie bestätige seine Grundhaltung, dass die Menschen keine glatt geschliffenen Politiker haben wollten. „Sie können damit rechnen, dass ich weiterhin eckig und kantig bleibe, nach dieser Umfrage erst recht.“
Özdemir lobte seinen ehemaligen Parteifreund in den höchsten Tönen. Palmer habe sich die guten Umfrage-Ergebnisse hart erarbeitet und verdient. Palmer gehöre zu den erfolgreichsten Oberbürgermeistern in ganz Deutschland, sei durchsetzungsstark und führe sein Rathaus hocheffektiv und unbürokratisch. Palmer sei für ihn ein „sehr, sehr wichtiger Ratgeber“.
Fans hat der 53-Jährige der Umfrage zufolge über fast alle Parteien hinweg. Unter den Anhängern der FDP sind sogar 60 Prozent für eine Rolle Palmers auf Landesebene, unter den Anhängern von Grünen, CDU und SPD ist etwa jeder Zweite dafür. Nur unter den Anhängern der Linken sind mehr Befragte gegen ein Amt für Palmer als dafür.
Nur Kretschmann und Özdemir sind bekannter im Land
Auch bei der Bekanntheit sticht Palmer viele Landespolitiker aus. Fast vier von fünf Befragten (79 Prozent) kennen ihn der Umfrage zufolge. Damit ist er nach Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir (94 Prozent) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (93 Prozent) der drittbekannteste Politiker im Südwesten. Zum Vergleich: Den CDU-Spitzenkandidaten für die Wahl, Manuel Hagel, kennen der Umfrage zufolge nur 52 Prozent der Befragten.
Über Palmers Rolle gibt es seit Längerem immer wieder Diskussionen. So hatte sich der 53-Jährige selbst kürzlich offen für eine Rückkehr zu den Grünen gezeigt. „Hoffnung habe ich. Und es wird auch viel damit zu tun haben, ob es Cem Özdemir gelingt, die Grünen in Baden-Württemberg mit einem Wahlerfolg auf Kretschmann-Kurs zu halten“, sagte Palmer.
Mit Blick auf die Landtagswahl am 8. März hatte sich Palmer bereits öffentlich hinter Özdemir gestellt – auch gemeinsame Wahlkampf-Auftritte gibt es. Am Dienstag besichtigte Özdemir gemeinsam mit Palmer eine Solarthermie-Anlage in Tübingen, Mitte Februar ist noch eine gemeinsame Abendveranstaltung geplant.
Das Meinungsforschungsinstitut YouGov befragte für seine repräsentative Umfrage vom 14. bis 22. Januar 1028 Wahlberechtigte ab 16 Jahren in Baden-Württemberg. Die Fehlertoleranz liegt zwischen 1,3 und 3,1 Prozentpunkten.
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