Die Sendung startete unerwartet: „Maybrit Illner“ wurde dieses Mal nicht von Maybrit Illner selbst moderiert. Stattdessen präsentierte ZDF-Moderatorin Shakuntala Banerjee die Sendung am Donnerstagabend. „Die Sendung sieht heute etwas anders aus als sonst, da ich sie wegen eines Trauerfalls in der Familie von Maybrit Illner moderiere“, erklärte Banerjee gleich zu Beginn.
„Deutschland ohne Wachstum – Opfer bringen für den Neustart?“ Unter diesem Sendungstitel befragte die Ersatzmoderatorin dann unter anderem Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD).
Gleich zu Anfang gab Klingbeil zu, dass „wir über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, nicht die notwendigen Reformen auf den Weg gebracht haben, die wir hätten auf den Weg bringen müssen“. Jetzt nicht „unsere Hausaufgaben“ in Deutschland zu machen, „wäre eine sehr schwache Entschuldigung“, so Klingbeil, dessen Partei seit vielen Jahren immer wieder der Bundesregierung angehört und diese zuletzt auch angeführt hat.
„Hausaufgaben“ hat der Vizekanzler nun einige. Der neue Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung wurde am Mittwoch von Wirtschaftsministerin Reiche vorgestellt. Die Regierung erwartet für 2026 ein reales Wirtschaftswachstum von 1,0 Prozent. Zuletzt war die Regierung für 2026 von 1,3 Prozent Wachstum ausgegangen und sieht sich selbst unter massivem Reformdruck, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen.
Wie weit diese Reformen gehen sollen, darüber gibt es allerdings unterschiedliche Ansichten bei Union und SPD. Auch am runden Tisch von Illner wurde das kontrovers diskutiert. Neben Klingbeil zu Gast waren dort die Präsidentin des Auto-Verbands VDA Hildegard Müller, den Ökonomen Gabriel Felbermayr, sowie Eva Quadbeck, Chefredakteurin des „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND).
Der Ökonom Gabriel Felbermayr gab sich überzeugt, dass eine „Diversifizierung der Importe“ nach Deutschland mit Blick auf die US-Strafzolldrohungen der letzten Tage sehr wichtig sei. Außerdem verlangte er nach mehr Tempo bei der Abschließung von neuen Handelsallianzen „neben den Reformen, die binnenwirtschaftlich passieren müssen in Deutschland und in der Europäischen Union“.
Die oberste Auto-Lobbyistin Müller derweil fragte zunächst ganz grundsätzlich in die Diskussionsrunde: „Wie sind wir wirtschaftlich selbst so stark, dass wir relevant bleiben?“ Reformen und „Hausaufgaben“ würden in den Diskussionen immer wieder beschworen, doch „de facto passiert viel zu wenig.“ 2026 müsse „ein Jahr der Entscheidung werden,“ sagte Müller.
Banerjee, die durch das ZDF-Format „Berlin direkt“ bekannte Gast-Moderatorin, hakte nach und fragt die Präsidentin des Auto-Verbands VDA nach der Kalkulation der Unternehmen im Hinblick auf das ständige Auf und Ab von Trumps Strafzöllen.
Müller gab zu verstehen, dass Trumps Politik nicht das größte Problem der deutschen Autobauer sei. Sie sagte, dass „die außenpolitischen Unsicherheiten die Spitze eines Eisberges sind“, mit dem die Automobilbranche zurzeit zu kämpfen habe. „Unter der Wasseroberfläche, da liegt die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschlands.“
In Deutschland sei die Produktion im Vergleich zu China circa 30 Prozent teurer, sagte Müller und verwies auf hohe Energiekosten, Bürokratiekosten und Steuerabgaben. „Das müssen wir selbst in den Griff bekommen und hier gibt es wirklich klaren Handlungsbedarf“, so Müller.
Wirtschaftlich gesehen sei Deutschland momentan kein Vorbild mehr, sagte auch die Moderatorin Banerjee und verwies auf Reiches Ein-Prozent-Prognose zum Wirtschaftswachstum. Und dieses sei überdies, so der Ökonom Felbermayr, „schuldenfinanziert“. Das „langfristig durchhaltbare Wachstum, das sogenannte Potenzialwachstum“, so Felbermayr, liege lediglich „zwischen 0,3 und 0,4 Prozent.“
„Rund 27 Prozent Menschen ohne Sachgrund in Teilzeit“
Später in der Sendung ging es noch um die Teilzeit-Debatte der vergangenen Tage – und somit darum, wer nun genau eigentlich gemäß der Frage aus dem Sendungstitel „Opfer bringen“ muss, damit die deutsche Wirtschaft wieder anzieht. Die Arbeitgeber forderten weniger Teilzeit und weniger Krankschreibungen, erklärte die Moderatorin dazu, und dass die Gegenseite kritisieren würde, dass es also die Arbeitnehmer seien, die nun Opfer bringen sollten.
Die Lobbyistin Müller findet, dass die Teilzeit für Familienpflegezeiten gedacht ist, für die Pflege von Angehörigen oder die Kindererziehung. „Wir haben mittlerweile aber rund 27 Prozent Menschen, die ohne Sachgrund in Teilzeit gehen – und da muss man sich ja fragen: Warum ist das so?“
Der Finanzminister stimmt Müllers Diagnose dann grundsätzlich zu. Deutschland habe im internationalen Vergleich ein Problem mit hohen Krankheitstagen, sagte Klingbeil etwa. Zugleich kritisiert er jedoch den Ton der Debatte: Es entstehe der Eindruck, als würden Beschäftigte pauschal beschimpft und zu mehr Fleiß ermahnt.
„Es wird vielen gesagt, sie seien zu faul in diesem Land, und das wird den Menschen nicht gerecht.“ Das sei, so Klingbeil, ein Hohn gegenüber Pflegekräften, Erzieherinnen und anderen, die unter hoher Belastung arbeiteten. Klingbeil forderte, die Debatte differenzierter zu führen. Die aktuellen Diskussionen seien zu stark von einem Schwarz-Weiß-Denken geprägt und würden der Realität der Arbeitswelt nicht gerecht.
Klingbeil verwies in der weiteren Diskussion auf die jüngst vorgelegten Vorschläge der Sozialstaatskommission, die darauf abzielen, Arbeit stärker zu belohnen. „Die meisten Menschen in diesem Land wollen, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird, dass sie respektiert wird und sie von ihrer Arbeit leben können“, sagte Klingbeil. Die Empfehlungen der Kommission seien dafür ein wichtiger Schritt und würden nun umgesetzt, so der Vizekanzler.
„Der Chef der Jungen Union, Johannes Winkel, hält dem entgegen, sinngemäß: Eine Reform, die niemandem wehtue, sei keine echte Reform“, warf Moderatorin Banerjee ein. Und frage Hildegard Müller dann, ob Winkel damit recht habe.
Müller betonte, dass es richtig sei, den Sozialstaat einfacher und digitaler zu machen, weil die Bürger derzeit oft zwischen Behörden hin- und hergeschickt würden. Die zentralen Reformfragen aber stünden weiterhin im Raum: Wie lasse sich Altersarmut verhindern? Wie könne die Krankenversicherung langfristig bezahlbar bleiben? Diese Themen seien unausweichlich, würden bislang aber nur oberflächlich gestreift.
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