Er hat es wieder getan. Oskar Lafontaine ist seit Langem bekannt für prorussische Ansichten. Mit seinen jüngsten Aussagen hat der BSW-Politiker und Ehemann von Sahra Wagenknecht nun aber noch schärfere Kritik als gewohnt auf sich gezogen. Und das zurecht.
Lafontaine schreibt in einem Beitrag, der auf dem Portal „nachdenkseiten.de“ und in der Schweizer Zeitung „Weltwoche“ erschienen ist, in Deutschland herrsche ein „Russenhass“, der etwa Politiker wie Friedrich Merz, Johann Wadephul oder Roderich Kiesewetter befallen habe. So weit, so absurd – aber Lafontaine geht noch einmal deutlich weiter, wenn er in einem Instagram-Posting kurz vor dem Holocaust-Gedenktag erklärt, dieses von ihm behauptete Phänomen sei „ebenso verwerflich wie der Antisemitismus“.
Nun ist es eine recht abenteuerliche These, ausgerechnet jenem Land „Russenhass“ als prägende „Staatstradition“ zu unterstellen, dem der Historiker Gerd Koenen einmal aus guten Gründen einen „Russland-Komplex“ diagnostiziert hat. Einem Landstrich, dessen Regierungen sich mit Moskau im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder auf Kosten Anderer zusammengetan haben. Auch die teils bis ins Naive russlandfreundliche Politik der jüngeren Vergangenheit ist gut dokumentiert. Die deutsch-russische Geschichte ist ambivalent. Einen sich durchziehenden „Russenhass“ entdeckt darin aber nur, wer ihn krampfhaft sehen will.
Überhaupt steckt hinter Lafontaines Raunen ein totschlägerisches Strohmann-Argument. Wem man pauschal vorwirft, schlicht von der Abscheu vor einem ganzen Land verblendet zu sein, mit dem muss man sich nicht mehr inhaltlich auseinandersetzen. Das zum einen.
Zum anderen dürfte es – abseits der direkt von russischen Gräueltaten betroffenen Menschen – Wenige in Deutschland geben, die Russland als Ganzes schlicht, nun ja, hassen. Diese Vorstellung geht in grotesker Weise am Wesen des Diskurses vorbei.
So richtet sich die Kritik an Russland selten gegen das Land oder seine Einwohner, sondern in aller Regel gegen die herrschende Clique im Kreml und diejenigen, die in ihrem Namen Menschen töten.
Zudem sind viele Kritiker der derzeitigen russischen Führung, vom Osteuropa-Historiker Karl Schlögel bis zum früheren deutschen Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, langjährige Russland-Liebhaber. Sie tragen eine tiefe Faszination für das Land in sich – nur haben sie sich davon im Gegensatz zu Lafontaine und anderen nicht ihren rationalen Blick auf politische Entwicklungen eintrüben lassen.
Seine korrekte Antisemitismus-Kritik entwertet Lafontaine gleich wieder selbst
Recht hat Lafontaine natürlich mit der Feststellung, dass Juden seit langer Zeit und bis heute unter dem Gift des Antisemitismus‘ leiden. Mit der Behauptung, dass „der Russenhass“ dabei „ebenso verwerflich wie der Antisemitismus“ sei, entwertet Lafontaine diese Aussage allerdings gleich wieder selbst.
Denn diese zwei Phänomene – bei einem davon lässt sich über dessen bloße Existenz streiten – gehören nicht in einen Topf. Vereinfacht gesagt: Juden sind kollektiv, schuldlos, überall und über viele Jahrhunderte lang zum Objekt geifernden Hasses geworden. Manche Russen hingegen werden in Teilen der deutschen Öffentlichkeit – oft sehr scharf – für ihr selbstbestimmtes Handeln kritisiert. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Zumal die Kritik aus Deutschland meist auch erst seit 2022 geäußert wird. In den Jahrzehnten zuvor spürte Moskau für sein Vorgehen in Tschetschenien, Georgien, Syrien, der Ost-Ukraine, auf der Krim oder gegen russische Regierungskritiker allzu selten Gegenwind.
Wer aber wie Lafontaine die Selbstviktimisierung der russischen Eliten gewissermaßen stellvertretend verinnerlicht hat, für den ist es konsequenterweise nicht mehr weit bis zu dem Argument, deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine seien ein moralischer Skandal. „So richtig es ist, niemals Waffen zu liefern, mit denen wieder Juden ermordet werden können“, argumentiert er, „so geschichtsvergessen und skrupellos ist es, Waffen zu liefern, mit denen wieder Russen ermordet werden.“
Auch hier verkennt Lafontaine einen entscheidenden Unterschied: dass deutsche Waffen, mit denen deutsche Soldaten einen Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion führten, in eine völlig andere Kategorie gehören als deutsche Waffen, mit denen Ukrainer sich heute gegen in ihr Land einfallende Russen zur Wehr setzen.
Zudem muss man jemandem wie Lafontaine unterstellen zu wissen, dass die sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkriegs längst nicht nur Russen waren. Die Ukraine – im Übrigen ebenso wie beispielsweise Georgien – hatte überproportional viele Tote zu beklagen. Diese Feststellung schmäht nicht das Andenken an das immense russische Leid. Aber sie rückt ein in Deutschland noch immer weitverbreitetes historisches Missverständnis gerade, laut dem „die Russen“ Deutschland von den Nazis befreit hätten.
Statt Gräueltaten anzurichten, helfen deutsche Waffen heute in Osteuropa dabei, sie zu verhindern. Dieses Argument lässt sich nicht mit Verweis darauf entkräften, dass sie gegen Deutschlands einstige Opfer eingesetzt werden, denn deren Nachfahren sind heute Täter.
Lafontaine wirft Kritik an Russlands Regierung mit Hitlers Rassenhass und der mörderischen Ideologie des Antisemitismus‘ zusammen, bagatellisiert damit beides und macht sich so schon inhaltlich angreifbar. Dass er sich damit aber ausgerechnet im zeitlichen Umfeld des Holocaust-Gedenktags zu Wort meldet, disqualifiziert ihn obendrein auch noch moralisch.
Nachrichtenredakteur Florian Sädler schreibt bei WELT vor allem über politische Themen, darunter Migration, Extremismus und Russlands Krieg gegen die Ukraine.
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