Erstmals seit fast drei Jahren hat Russland an der Front in der Ukraine im vergangenen Monat Netto-Gebietsverluste erlitten. Wie aus einer Analyse des US-ansässigen Institute for the Study of War (ISW) hervorgeht, verlor die russische Armee im April unter dem Strich die Kontrolle über rund 120 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums. Es sei für die russischen Streitkräfte der erste Nettoverlust in einem Monat seit dem Einmarsch der Ukraine in das russische Gebiet Kursk im August 2024.

Die Auswirkungen sind begrenzt. Insgesamt gewann die Ukraine demnach die Kontrolle über rund 0,02 Prozent ihres Staatsgebiets zurück. Der Ukraine gelang es laut den ISW-Daten, an mehreren Frontabschnitten vorzurücken. In den drei ostukrainischen Regionen Saporischschja, Charkiw und Donezk gewannen die Soldaten demnach jeweils rund 40 Quadratkilometer Gebiet zurück.

Russland rückte seinerseits in der Gegend um die Großstadt Kramatorsk in der Region Donezk vor.

Das ISW betont zugleich, dass die Lage komplizierter ist als ein bloßer Flächenvergleich. Russische Truppen setzen demnach seit Herbst 2025 verstärkt auf Infiltrationstaktiken, bei denen kleine Einheiten in umkämpfte Grauzonen einsickern, ohne das Gebiet dauerhaft zu kontrollieren. Moskau nutze diese Methode auch, um größere Geländegewinne reklamieren zu können.

Insgesamt hält Russland den ISW-Daten zufolge etwas mehr als 19 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetzt. Darunter sind die bereits 2014 annektierte Halbinsel Krim und Gegenden in den Regionen Donezk und Luhansk, die bereits vor der Vollinvasion im Jahr 2022 von prorussischen Separatisten kontrolliert worden waren. Den Großteil des restlichen Gebiets hatte Russland in den ersten Wochen nach Beginn des Kriegs im Februar 2022 erobert.

Der Vormarsch der russischen Armee hatte sich der Analyse zufolge bereits in den Monaten zuvor erheblich verlangsamt: Im März hatte Russland 23 Quadratkilometer Territorium eingenommen, im Februar 123 Quadratkilometer, im Januar waren es noch 319 Quadratkilometer gewesen.

Der durch Tauwetter und Regen entstandene Schlamm habe womöglich das Vorrücken von Bodeneinheiten verlangsamt. Dem ISW zufolge haben aber auch ukrainische Gegenangriffe und Probleme der russischen Armee mit Kommunikationstechnologie „bereits bestehende Probleme innerhalb der russischen Streitkräfte verschärft“. Im Februar 2026 hatte das US-Unternehmen SpaceX die Nutzung seiner Starlink-Satelliten durch das russische Militär unterbunden, die russische Führung schränkte zudem die Nutzung des Online-Dienstes Telegram ein.

Militärexperte spricht von „ukrainischem Wunder“

Der österreichische Militärexperte Markus Reisner spricht mit Blick auf die Lage an der Front von einem „zweiten ukrainischen Wunder“. Im Interview mit ntv sagte der Oberst des österreichischen Bundesheeres, die Ukraine habe nach dem schweren Winter erneut eine Formel gefunden, den russischen Vormarsch zu bremsen und sich militärisch zu stabilisieren.

Reisner zufolge gelingt das vor allem durch den massiven Einsatz von Drohnen. Diese könnten selbst kleine russische Stoßtrupps früh aufklären und neutralisieren. Dadurch sei an der Front eine rund 50 Kilometer breite „Todeszone“ entstanden, was die Verteidigung der Ukraine deutlich stärke. „Nach dem schweren Winter hat es die Ukraine noch einmal geschafft, wieder aufzustehen, das Schild zu heben und die Russen abzuwehren“, sagte Reisner.

Zugleich warnte der Experte davor, daraus bereits eine Wende im Krieg abzuleiten. Gewonnen sei damit noch nichts. Der Mangel an Soldaten bleibe ein ernstes Problem, und Russland halte den Druck hoch. Das gelte insbesondere im Donbass, wo nach Reisners Einschätzung der Schwerpunkt der russischen Frühjahrsoffensive im Raum Kostjantyniwka liege. Dort wolle Moskau den ukrainischen Festungsgürtel durchbrechen.

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