Das Video ihres Chefs erschien den Mitarbeitern offenbar echt: Ralf Wintergerst, Chef der Ausweisdruckerei Giesecke+Devrient, kündigte darin an, in zwei Jahren bei den olympischen Spielen in Karate antreten zu wollen. Der 64-Jährige war in den 1980er-Jahren deutscher Meister in der Disziplin. „Klickt bitte auf diesen Link“, sagt der gefälschte Wintergerst im Video.
„Das Schockierende war: Es haben sehr viele draufgeklickt, weil sie mir vertraut haben“, sagt Wintergerst. Jetzt gibt es eine Sonderschulung in Sachen Cybersicherheit für die Mitarbeiter.
Solche Schulungen sind offenbar in allen Unternehmen nötig. Deutschlands Wirtschaft wird attackiert wie nie zuvor. Fast zwei Drittel der Unternehmen berichten in einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom von einer wachsenden Zahl von Cyberangriffen. Genauso viele wissen, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten zum Ziel von Diebstahl, Industriespionage oder Sabotage geworden sind. Die anderen vermuten, dass sie betroffen sind. „Es gibt eigentlich nur noch zwei Arten von Unternehmen: die, die gehackt worden sind, und die, die es noch nicht wissen“, sagt Wintergerst, der auch Präsident des Bitkom ist.
Geheimdienste greifen Firmen an
Zunehmend stecken hinter den Angriffen auf die Wirtschaft Geheimdienste aus China und Russland. Das ist eine zentrale Erkenntnis der Befragung. In 37 Prozent der Fälle sollen ausländische Nachrichtendienste die Angreifer gewesen sein, sagen die 671 von Attacken betroffenen Unternehmen. Das wissen sie unter anderem von deutschen Behörden, die enger als zuvor mit der Wirtschaft in solchen Fällen zusammenarbeiten. Insgesamt haben 1003 Unternehmen mit mindestens zehn Mitarbeitern und einer Million Euro Umsatz im Jahr die Fragen beantwortet.
Sinan Selen (l), Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) und Ralf Wintergerst, Bitkom-PräsidentCyberangriffe aus China und Russland zielen nicht nur auf klassische Spionage und Sabotage. Sie folgen auch einer größeren Logik. „Die Zielrichtung ist eine eindeutige Schwächung von Unterstützung beispielsweise der Ukraine, gleichzeitig eine tiefgreifende Verunsicherung von Unternehmen, in bestimmten Themenbereichen überhaupt tätig zu werden, beispielsweise Rüstungsindustrie, beispielsweise Forschung im Bereich Drohnentechnologie“, sagt der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan Selen. Es gehe auch um eine Verunsicherung der Gesellschaft: Der Staat könne keine Sicherheit mehr bieten, sei insgesamt dysfunktional – „das ist ein Narrativ, mit dem sehr stark gearbeitet wird“.
Die Angriffe auf Unternehmen fügen sich aus Selens Sicht in eine Informations-Manipulationskampagne gegnerischer Dienste. „Gleichzeitig findet Sabotage statt. Und das führt zu einer tiefgreifenden Verunsicherung“, sagt er. „Es sei denn, wir geben darauf Antworten. Wir beschreiben das sehr deutlich und sagen, wir sind da nicht mehr hilflos.“
Der technologische Wettlauf hat durch die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) allerdings massiv an Tempo gewonnen. Gefälschte Videos wie der Trainingsfilm von Wintergerst für seine Mitarbeiter finden sich zu Millionen im Internet. Aus China habe man kürzlich eine Aktion beobachtet, die vollständig von KI generiert und durchgeführt wurde, berichtet Selen. Da solche Fähigkeiten frei verfügbar sind, müsse man mit einer neuen Qualität im Bereich „Social Engineering“ rechnen. „Meine Befürchtung ist, da stehen wir am Anfang der Entwicklung.“
Das deckt sich mit den Ergebnissen der Umfrage. Demnach sinkt der Anteil der „klassischen“ Cyberangriffe mit Schadsoftware oder über E‑Mails erbeuteten Passwörtern auf Unternehmen. Stattdessen haben sich die Attacken mit sogenannten Deepfakes, etwa KI-generierten Videos vom Chef, verdoppelt. Und der Anteil der „Robo Calls“, also Anrufen von KI-generierten Stimmen, hat sich binnen eines Jahres fast verfünffacht. „Das heißt, die Unternehmen haben die nächste Herausforderung vor sich: die eigene Software auf Schadstellen zu überprüfen, das Schließen von Sicherheitslücken deutlich zu professionalisieren und vor allem zu beschleunigen“, sagt Wintergerst. Früher habe man Jahre gebraucht, um solche Lücken zu finden, heute müsse das in wenigen Stunden möglich sein. Dazu müssten die Unternehmen KI für die eigene Verteidigung einsetzen.
Besorgt stellt der Bitkom an diesem Punkt fest, dass die Unternehmen keine zusätzlichen Ausgaben für IT-Sicherheit planen. Der Anteil dieses Postens am gesamten IT-Budget beträgt seit zwei Jahren im Durchschnitt 18 Prozent, im Jahr davor waren es 17 Prozent. „Es passt nicht ganz zur Bedrohungslage und zur Professionalisierung der Angreifer“, sagt Wintergerst. „Damit machen wir es den Cyberkriminellen, ehrlich gesagt, ein wenig zu leicht.“
Künftig sollen Deutschlands Geheimdienste, der Bundesnachrichtendienst und der Verfassungsschutz, gegen Cyberangriffe robuster vorgehen dürfen – und Attacken beispielsweise im Vorfeld abwehren. Das ist der Kern einer Gesetzesnovelle der Bundesregierung, die Mitte August verabschiedet wurde. Die Änderungen sind hochumstritten und müssen es nun durchs Parlament schaffen.
Selen wirbt für die neuen Befugnisse. „Es geht für uns als Abwehrdienst vornehmlich darum, erkannte Angriffsvektoren so zu stören, dass sie überhaupt nicht stattfinden können“, sagt er. Also Schäden erst gar nicht entstehen zu lassen. Die Gesetzesnovelle werde „ein Stück weit mystifiziert“, sagt er. „Eigentlich ist es relativ profan, eine Angreiferinfrastruktur schlicht und einfach zu löschen oder zu hemmen. Darum geht es.“
Helfen könnte auch mehr Unabhängigkeit von Software und Chips aus dem Ausland. Das Ziel der „digitalen Souveränität“ haben sich Bundesregierung und EU auf die Fahnen geschrieben, doch die Umsetzung erweist sich als sehr schwierig. So hängen deutsche Unternehmen fast vollständig von den Cloud-Angeboten amerikanischer Tech-Riesen wie Amazon und Google ab. Außerdem mangele es an Angeboten deutscher Software, die etwa Microsoft-Programme ersetzen könnte, beklagt Wintergerst. „Viele würden gerne deutsche Cloud-Infrastruktur oder Software deutscher Anbieter nehmen. Wenn es eine Alternative gibt, die aber vielleicht etwas minderwertig ist und noch mehr kostet, dann geht man doch wieder zu dem, der es bereits im Angebot hat.“
Ein Risiko bleibt durch diese Abhängigkeit bestehen. „Wer garantiert, dass der Stecker nicht einfach gezogen wird? Das heißt, dass ein Support eingestellt wird oder die Software nicht mehr funktioniert“, sagt Selen. Dieses Risiko würde er nicht nur auf Anbieter aus China begrenzen.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Daniel Zwick ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.
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